Da wir meist nicht erkennen können, was das Beste für etwas ist (denn die Erkenntnis des Guten ist die höchste Erkenntnis überhaupt und allenfalls nach jahrzehntelanger philosophischer Übung erreichbar), müssen wir mit einer anderen Art von Erklärung vorlieb nehmen. Nun wird auch präzisiert, was eigentlich genau erklärt werden soll: Die Erklärung soll angeben, wodurch etwas dieses Bestimmte ist. Sokrates kommt dazu auf das Prinzip, dass Gleiches durch Gleiches verursacht wird, zurück, und wählt die tautologisch klingende Formulierung, dass etwas F ist aufgrund der F-heit (Vermöge des Schönen werden alle Dinge schön.). Dieses begründet er nicht weiter, sondern hält es für das Sicherste und baut auf diesem stärksten Logos das gesamte weitere Argument auf.
Handelte es sich bei der Formulierung des Sokrates wirklich um eine Tautologie, wäre sie zwar absolut sicher, sie würde allerdings kaum als Erklärung geeignet sein, da jede Erklärung doch in irgendeiner Weise informativ sein muss. Der Anschein der Tautologie verliert sich aber sofort, wenn man sich klar macht, dass Sokrates das Schöne und alle anderen Eigenschaften als selbständige Entitäten postuliert. Diesen Gegenständen kann er nun problemlos den Status von Ursachen zuschreiben.
Sonntag, 9. Dezember 2007
Die Kritik Platons am Ursachebegriff seiner Vorgänger im Phaidon
Platon untersucht verschiedene vorsokratische Theorien daraufhin, was diese als Ursache für etwas anführen. Nachdem er einige ganz verschiedenartige Kandidaten wie Luft, Feuer (Materialursache) oder Fäulnis, das Warme und Kalte (Bewegungsursache) angeführt hat, fokussiert er seine Kritik auf drei Ausschlusskriterien. Danach ist eine Erklärung ist nicht zufriedenstellend, wenn sie eines der drei folgenden Kriterien erfüllt (vgl. 96e-97b sowie die klarere Zusammenfassung in 101a-c):
a) F wird von x und non x verursacht.
Beispiel: Ursache dafür, dass etwas zwei wird, ist einmal Hinzufügung und einmal Spaltung.
b) x verursacht F und non F.
Beispiel:
Der Kopf ist einmal Ursache des größer Seins und einmal des kleiner Seins.
Die Sehnen und Knochen des Sokrates bewirken einmal seinen Verbleib im Gefängnis und einmal seine Flucht.
c) x ist non F und verursacht F.
Beispiel: Der Kopf, der doch selbst klein ist, ist Ursache des Um-einen-Kopf-größer-Seins.
Dieser Kritik liegt das Prinzip zugrunde, dass Gleiches durch Gleiches verursacht wird, bzw. dessen Umkehrung, dass Verschiedenes nicht Ursache von von Verschiedenem sein kann (vgl. Sedley (1998)).
a) F wird von x und non x verursacht.
Beispiel: Ursache dafür, dass etwas zwei wird, ist einmal Hinzufügung und einmal Spaltung.
b) x verursacht F und non F.
Beispiel:
Der Kopf ist einmal Ursache des größer Seins und einmal des kleiner Seins.
Die Sehnen und Knochen des Sokrates bewirken einmal seinen Verbleib im Gefängnis und einmal seine Flucht.
c) x ist non F und verursacht F.
Beispiel: Der Kopf, der doch selbst klein ist, ist Ursache des Um-einen-Kopf-größer-Seins.
Dieser Kritik liegt das Prinzip zugrunde, dass Gleiches durch Gleiches verursacht wird, bzw. dessen Umkehrung, dass Verschiedenes nicht Ursache von von Verschiedenem sein kann (vgl. Sedley (1998)).
Freitag, 23. November 2007
Literatur zu Platons Sophistes
1. Textausgaben:
Eigler, G. (Hrsg.), Platon, Werke Bd. 6: Theaitetos, Sophistes, Politikos, (übersetzt von Fr. Schleiermacher, griech. Text von L. Robin, L. Méridier), Darmstadt 1974.
2. Sekundärliteratur:
Bostock, D., „Plato on ‚Is not’“, in: Oxford Studies in Ancient Philosophy 2 (1984), S. 89-119
Cornford, F. M., Plato’s Theory of Knowledge, London 1935, reprinted 1960.
Frede, M., Prädikation und Existenzaussage, Hypomnemata 18, Göttingen 1967.
Frede, M., „Plato’s Sophist on false statements“, in: R. Kraut (Hrsg.), The Cambridge Companion to Plato, Cambridge 1992, S. 397-424. [Pflichtlektüre. PDF]
Heinaman, R., „Being in the Sophist“, in: Archiv für Geschichte der Philosophie 65 (1983), S. 1-17.
Rijk, L. M. de, Plato’s Sophist. A Philosophical Commentary, Amsterdam 1986.
Wiggins, D., „Sentence Meaning, Negation, and Plato’s Problem of Not Being“, in:
G. Vlastos (Hrsg.), Plato. A Collection of Critical Essays Vol. I: Metaphysics and Epistemology, Garden City NY 1971, S. 268-303.
Eigler, G. (Hrsg.), Platon, Werke Bd. 6: Theaitetos, Sophistes, Politikos, (übersetzt von Fr. Schleiermacher, griech. Text von L. Robin, L. Méridier), Darmstadt 1974.
2. Sekundärliteratur:
Bostock, D., „Plato on ‚Is not’“, in: Oxford Studies in Ancient Philosophy 2 (1984), S. 89-119
Cornford, F. M., Plato’s Theory of Knowledge, London 1935, reprinted 1960.
Frede, M., Prädikation und Existenzaussage, Hypomnemata 18, Göttingen 1967.
Frede, M., „Plato’s Sophist on false statements“, in: R. Kraut (Hrsg.), The Cambridge Companion to Plato, Cambridge 1992, S. 397-424. [Pflichtlektüre. PDF]
Heinaman, R., „Being in the Sophist“, in: Archiv für Geschichte der Philosophie 65 (1983), S. 1-17.
Rijk, L. M. de, Plato’s Sophist. A Philosophical Commentary, Amsterdam 1986.
Wiggins, D., „Sentence Meaning, Negation, and Plato’s Problem of Not Being“, in:
G. Vlastos (Hrsg.), Plato. A Collection of Critical Essays Vol. I: Metaphysics and Epistemology, Garden City NY 1971, S. 268-303.
Demokrit: Eine Ethik für den Einzelnen
Auch wenn man bei Demokrit eine Reihe von Motiven der klassischen Ethik erkennen kann (Sorge um die Seele, Vorherrschaft der Vernunft, Kritik übermäßiger leiblicher Genüsse), ist zu bemerken, dass Demokrit eine strikt individualistische Ethik vertritt. Es geht nicht um das Wohlergehen der Gemeinschaft, sondern um das des Einzelnen. Ebenso geht es nicht um unabhängige, unveränderliche ethische Wahrheiten. Was gut und schlecht ist, ist relativ zum Individuum und dessen physischer Verfassung. Darin gleicht er einerseits Protagoras, der ebenfalls das Maß aller Dinge im Menschen verortet, andererseits unterscheidet er sich doch erheblich von diesem, indem er in der atomaren Struktur, die das ontologische Fundament bildet, doch noch einen unabhängigen Maßstab findet jenseits der jeweiligen Erscheinung (bei Protagoras macht es streng genommen gar keinen Sinn, von einer Ontologie zu reden). Aber das Maß bleibt auch bei Demokrit die (physische) Beschaffenheit des einzelnen Individuums, die ihm eigen ist und daher keine strikt generalistischen moralischen Propositionen begründen kann.
Demokrit: Die Atomstruktur der Seele
In der Interpretation von Gregory Vlastos ist Wohlgemutheit nur das, was an der Oberfläche erscheint und was wir unmittelbar merken. Ihr zugrunde liegt jedoch, was Demokrit euestó (von eu – gut, und estó – dorisch: sein) nennt: ein wohlgeordnetes Verhältnis der Seelenatome untereinander. Demokrit hat in seinen naturphilosophischen Schriften die Auffassung vertreten, dass die Seele ebenso aus Atomen besteht wie alle anderen physikalischen Körper auch. Die Atome der Seele sind rund und besonders beweglich, wodurch die Seele einerseits besonders gut Einwirkungen von außen aufnehmen kann (z.B. wahrnehmen) und als Beweglichstes den Rest des Körpers bewegen, andererseits ist die Gefahr besonders groß, dass die Atome in Unordnung geraten. Die „großen Pendelausschläge“ im Frg. 191 beziehen sich möglicherweise nicht nur auf Wechsel der Launen, sondern auf übermäßige Atombewegung. Es ist aufgrund der Beweglichkeit der Seelenatome eine große Kunst, das richtige Maß zu halten. Das ist der Fall, wenn sich die Atome in ihrem natürlichen Schwingungszustand befinden (Vlastos: „dynamic equilibrium“).
Vlastos zeigt die weitgehende Parallelisierung des euestó der Seele mit der Gesundheit des Körpers auf. Daher mag es verwundern, dass im Falle der Seele ihr Wohlergehen nicht durch Gymnastik sichergestellt wird, sondern durch Vernunft, und dass die zuständige Wissenschaft nicht die Medizin (heute etwa die Psychiatrie), sondern die Ethik ist. Mit der Zuweisung der Vernunft an die Seele und der Bestimmung der Seele als dasjenige, das den Körper bewegt und steuert, etabliert Demokrit eine Vorherrschaft der Vernunft und eine gewisse Unabhängigkeit des Menschen von seiner Umwelt. Der Mensch kann durch Wahl der richtigen Lebensweise seine Seele und seinen Körper erhalten und pflegen.
Vlastos zeigt die weitgehende Parallelisierung des euestó der Seele mit der Gesundheit des Körpers auf. Daher mag es verwundern, dass im Falle der Seele ihr Wohlergehen nicht durch Gymnastik sichergestellt wird, sondern durch Vernunft, und dass die zuständige Wissenschaft nicht die Medizin (heute etwa die Psychiatrie), sondern die Ethik ist. Mit der Zuweisung der Vernunft an die Seele und der Bestimmung der Seele als dasjenige, das den Körper bewegt und steuert, etabliert Demokrit eine Vorherrschaft der Vernunft und eine gewisse Unabhängigkeit des Menschen von seiner Umwelt. Der Mensch kann durch Wahl der richtigen Lebensweise seine Seele und seinen Körper erhalten und pflegen.
Demokrit über das gute Leben
Wohlgemutheit (euthymia - von eu – gut, und thumos – Mut, Gefühl; bei Platon: „eifernder“ Seelenteil) zeichnet nach Demokrit das gute Leben aus. Diesen Zustand der Seele sollte jedes Individuum anstreben und erhalten. Um Ausgewogenheit zu erreichen muss das Individuum sein Verhältnis zur Umwelt (also die eigenen Ziele, die Bewertung der eigenen Leistungen sowie der Leistungen anderer) richtig bestimmen. Setzt es z.B. die eigenen Ziele zu hoch, ist das Scheitern vorprogrammiert. Aber auch ein äußerst lustvoller Zustand ist selten von Dauer. So ist nach Demokrit das Ebenmaß nicht nur dem Schmerz, sondern auch großer Lust vorzuziehen. Es liegt in der Macht des Einzelnen, ein zufriedenes Leben zu leben, denn was immer die äußeren Umstände sein mögen, kann er doch seine Erwartungen damit abgleichen. Demokrit wendet sich damit ebenso wir Protagoras entschieden gegen einen Schicksalsglauben, dessen Spuren in der Lyrik noch gut erkennbar sind. In dieser Hinsicht nimmt Demokrit einiges vorweg, was die stoische Ethik kennzeichnet.
Sonntag, 11. November 2007
Literatur zu Platons Phaidon
1. Textausgaben:
Ebert, Th., Platon: Phaidon. Übersetzung und Kommentar, in: E. Heitsch, C. W. Müller (Hrsg.) Platon, Werke, (Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz), Göttingen 2004.
Eigler, G. (Hrsg.), Platon, Werke Bd. 3: Phaidon, Symposion, Kratylos, (übersetzt von Fr. Schleiermacher, griech. Text von L. Robin, L. Méridier), Darmstadt 1974. [Die klassische Platon-Übersetzung aus dem 19. Jh. von Friedrich Schleiermacher.]
2. Sekundärliteratur:
Eck, Job van, „Skopein en logois: On Phaedo 99d-103c“, in: Ancient Philosophy 14 (1994), S. 21-40. [Der Gegner von Rowe in einer längeren Debatte.]
Frede, D., Platons ‚Phaidon‘. Der Traum von der Unsterblichkeit der Seele, Darmstadt 1999. [Eine gute Einführung.]
Frede, M., “The Original Notion of a Cause”, in: M. Schofield u.a. (Hrsg.), Doubt and Dogmatism, Oxford 1980, S. 217-249.
Sedley, D., „Platonic Causes“, in: Phronesis 43 (1998), S. 114-132. [Erstaunlich gut verständlicher Artikel, sehr geeignet als Einführung in Platons Theorie der Kausalität. Ist jedoch eher an systematischen Fragen interessiert und geht nicht genauer auf einzelne Textstellen ein. Außerdem betrachtet er eine ganze Reihe von Dialogen, nicht nur den Phaidon. Nach der Erläuterung der platonischen These, dass Gleiches durch Gleiches verursacht wird, geht Sedley im zweiten Abschnitt auf Formursachen ein und betrachtet zum Schluss das Argument vom Dritten Menschen aus dem Parmenides. Pflichtlektüre. PDF]
Rowe, Cristopher, „Explanation in Phaedo 99 C 6-102 A 8“, in: Oxford Studies in Ancient Philosophy 11 (1993), S. 49-69. [Zur weiteren Auseinandersetzung zwischen Rowe und van Eck vgl. Oxford Studies in Ancient Philosophy 14 (1996), S. 211-240].
Vlastos, G., „Reasons and Causes in the Phaedo“, in: ders. (Hrsg.), Plato. A Collection of Critical Essays Vol. I: Metaphysics and Epistemology, Garden City NY 1971, S. 132-166.
Ebert, Th., Platon: Phaidon. Übersetzung und Kommentar, in: E. Heitsch, C. W. Müller (Hrsg.) Platon, Werke, (Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz), Göttingen 2004.
Eigler, G. (Hrsg.), Platon, Werke Bd. 3: Phaidon, Symposion, Kratylos, (übersetzt von Fr. Schleiermacher, griech. Text von L. Robin, L. Méridier), Darmstadt 1974. [Die klassische Platon-Übersetzung aus dem 19. Jh. von Friedrich Schleiermacher.]
2. Sekundärliteratur:
Eck, Job van, „Skopein en logois: On Phaedo 99d-103c“, in: Ancient Philosophy 14 (1994), S. 21-40. [Der Gegner von Rowe in einer längeren Debatte.]
Frede, D., Platons ‚Phaidon‘. Der Traum von der Unsterblichkeit der Seele, Darmstadt 1999. [Eine gute Einführung.]
Frede, M., “The Original Notion of a Cause”, in: M. Schofield u.a. (Hrsg.), Doubt and Dogmatism, Oxford 1980, S. 217-249.
Sedley, D., „Platonic Causes“, in: Phronesis 43 (1998), S. 114-132. [Erstaunlich gut verständlicher Artikel, sehr geeignet als Einführung in Platons Theorie der Kausalität. Ist jedoch eher an systematischen Fragen interessiert und geht nicht genauer auf einzelne Textstellen ein. Außerdem betrachtet er eine ganze Reihe von Dialogen, nicht nur den Phaidon. Nach der Erläuterung der platonischen These, dass Gleiches durch Gleiches verursacht wird, geht Sedley im zweiten Abschnitt auf Formursachen ein und betrachtet zum Schluss das Argument vom Dritten Menschen aus dem Parmenides. Pflichtlektüre. PDF]
Rowe, Cristopher, „Explanation in Phaedo 99 C 6-102 A 8“, in: Oxford Studies in Ancient Philosophy 11 (1993), S. 49-69. [Zur weiteren Auseinandersetzung zwischen Rowe und van Eck vgl. Oxford Studies in Ancient Philosophy 14 (1996), S. 211-240].
Vlastos, G., „Reasons and Causes in the Phaedo“, in: ders. (Hrsg.), Plato. A Collection of Critical Essays Vol. I: Metaphysics and Epistemology, Garden City NY 1971, S. 132-166.
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